Wohin geht die Reise?

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by Marie Schwarz

 

 

In meinem vorletzten my.philosofie-Beitrag ging es um Urlaub und die vielen neuen Erlebnisse, die man auf Reisen sammeln kann.
Welches war Deine schönste Reise? Ich meine diese eine Reise, die Dir als erstes in den Sinn kommt und an die eigentlich keine weitere mehr ran kommt? Warum war dieser Ausflug so schön?

Manchmal möchte ich einfach so weit gehen, wie mich meine Füße tragen können. Ziellos umherwandern, um neue Eindrücke zu gewinnen, Menschen kennenzulernen, die Natur in all ihren Facetten bestaunen zu können und mich nach einem ereignisreichen Tag einfach in ein gemütliches Bett fallen zu lassen, um von dem Erlebten zu träumen.
Klingt doch nach dem besten Nicht-Plan, den man sich vorstellen kann oder?

 

Ist diese Flucht aus dem Alltag eigentlich "natürlich" oder "normal"?

Ist es denn "natürlich" in einem Raum mit vier bemalten Wänden, künstlichem Licht, traurigen Pflanzen, die nie einen einzigen Sonnenstrahl gesehen oder einen Regenschauer gespürt haben, vor einem Rechner zu sitzen, in dem sich eine virtuell aufgebaute Welt abspielt, die lediglich dazu dient andere zu bespaßen, weil das Leben derer, die diese Grütze konsumieren, genauso trostlos vorübergeht und durch den ganzen Gelddruck eh keine andere Möglichkeit bleibt, als zu resignieren und sich stattdessen mit nem neuen Smartphone oder einer tollen Reise zu belohnen, um danach wieder weiter zu knechten? Abends den TV an, ein Glas Wein, bisschen Sex und alles ist wieder in Ordnung. Diese Antwort bleibt wohl offen.

Wie ich in meinem Buch "Ist TickTack nur TakTik?" bereits geschrieben habe, ist es möglich für sich selbst einen anderen Weg zu gehen. Selbst wenn dieser nicht immer geradeaus verläuft, ist es Dein eigener und niemand hat das Recht - insofern Du niemandem sonst schadest - Dich dafür zu verurteilen. Mensch zu sein und sein Leben beliebig zu gestalten ist ganz normal. Draußen in der Natur sein zu wollen, das Meer zu spüren, die Berge zu besteigen, die Früchte der Natur kosten zu wollen, den Wind zu fühlen, ein Sonnenbad zu nehmen, ist ebenfalls völlig normal.

Respekt an die Menschen, die es schaffen, Tag für Tag nur um des Geldes Willen – unter teils miserablen Bedingungen – zu schuften, mit dem man sich eines nicht kaufen kann und zwar die innere Freiheit und die wahre Liebe. Chronisch kranke Menschen haben diese Möglichkeit nicht einmal und können nur schwer nachvollziehen, wie es sich anfühlt, den selben Alltag zu durchleben wie ein gesunder Mensch. Hierbei geht es nicht einmal um die körperliche Kraft, die aufzubringen wäre, sondern um die seelische Belastung drumherum, die sich dadurch Tag für Tag verstärkt, wenn man ausnahmslos jeder Behörde oder jedem anderen Menschen erklären muss, dass man nicht lebt wie andere Menschen, dennoch aufgeschlossen ist und auch nichts zu verbergen hat, sondern nur der Alltag eher dem eines Rentners gleicht – nur mit dem Unterschied, dass der Großteil der behinderten Menschen sehr stressige und aussaugende Telefonate führen oder aufreibende E-Mails bzw. Schreiben verfassen muss, welche eigentlich jedes Mal wieder nur dazu dienen, vorzuweisen, wie behindert man ist.

Coaches sagen einem dann, dass man sich auf positive Dinge konzentrieren muss und keiner versteht, dass das bei so einer Alltagsgestaltung nur schwer zu realisieren ist. Das war noch nicht alles. Die Familie und Freunde haben auch nicht von Anfang an Verständnis. Hier ist auch sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig, die nur leider nicht mehr wirklich wahrgenommen wird. Ein Duschgang kann zur einzigen Tagesaufgabe werden, da CFS beispielsweise den Körper niemals ausgeruht fühlen lässt. Es ist ein chronischer Erschöpfungszustand. Falls gewünscht, können Unmengen an Fachliteratur an dieser Stelle zitiert und eingefügt werden, um zu verdeutlichen oder zu "beweisen", dass dies wirklich so ist, doch ganz ehrlich? Ich habe mir dieses Wissen auch selbst zusammensuchen müssen und wen es interessiert – es gibt unzählige Möglichkeiten sich zu bilden. Außerdem muss es ja auch noch einen Grund geben, dass man für entsprechendes Wissen bezahlt. Ich würde mich nie vor Wissenschaftler diesbezüglich stellen, nur ist man nach Jahrzehnten Die-Krankheit-am-eigenen-Leib-erfahren dann ebenfalls ein Spezialist auf dem jeweiligen Gebiet. Wem man vertraut, muss man eh für sich selbst entscheiden.
Manchmal ist es einfach wichtig, auch die Welt aus der Sicht sogenannter Minderheiten zu betrachten, um zu verstehen, dass nicht für alle alles selbstverständlich ist. Behinderte sehen auch nicht alle gleich aus. Jeder von uns ist genauso einzigartig und liebenswürdig, wie jeder andere, gesunde Mensch ebenso. Es gibt dennoch Unterschiede im Schweregrad einer Behinderung. Egal wie behindert, ich plädiere für eine lila-farbene Armbinde, damit jeder sieht, dass man eine Behinderung hat, auf die Rücksicht genommen werden muss. Ich verhalte mich beispielsweise sowieso sehr defensiv, doch dies wird leider nicht oft respektiert.


Behinderte Menschen haben auf jeden Fall einen ganz anderen Alltag und deshalb ist die Bedeutung des Urlaubs auch viel höher zu setzen. Ein Urlaub ist für viele Gehbehinderte z.B. auch nur schwer zu realisieren, da hierfür ein Betreuer organisiert werden muss und nicht jede Unterkunft dafür ausgerichtet ist. Überall treten Einschränkungen auf und trotzdem müssen Behinderte sich noch mehr anstrengen, sich selbst zu beteiligen an dem Leben, welches Gesunde leben können. Die Inklusion funktioniert einfach nicht wie gewünscht und diese Aussage repräsentiert – nach meinen Recherchen jedenfalls – die Meinung der meisten Schwerbehinderten in Deutschland. Leider kann man heutzutage nicht erwarten, dass die Schwäche akzeptiert und respektiert sowie Hilfe angeboten wird, ohne den Leidenden in die Position eines Bettlers zu zwingen. Genauso verhält es sich mit den staatlichen Hilfen. Ein Urlaub ist für Schwerbehinderte Menschen auch deshalb so gut wie undenkbar, da sehr viel besondere Nahrung, Medikamente oder andere, medizinische Hilfsmittel notwendig sind, um den Krankheitszustand nicht zu verschlechtern. Für manche Medikamente braucht man beispielsweise noch Genehmigungen, um überhaupt das Land verlassen zu dürfen. Das kostet natürlich Kraft, Zeit und Geld und ist für Menschen, die nur auf Betreuer angewiesen sind, auch mühsam. Um diese Notwendigkeit zu beweisen, damit dafür die Kosten übernommen werden, bedeutet einen weiteren Mehraufwand für die oder den Betroffene/n. Ich verstehe ja die ein oder andere bürokratische Maßnahme (es gibt tatsächlich Menschen, die sich absichtlich krank stellen, um staatliche Hilfen zu erschleichen!), doch muss wirklich nochmals erwähnt werden, dass Menschen, die nachgewiesen CHRONISCH KRANK sind, keine KRAFT haben, ständig alles zu beweisen und zu organisieren und auch nicht einfach jemand eingestellt werden kann, da diese Person erstmal umfassend aufgeklärt werden müsste. Wenn der Partner dies alles übernehmen muss, wird die Beziehung sicherlich nicht gut verlaufen und insgesamt wird die kräftezehrende Wirkung dieser Bürokratie durch nichts abgeschwächt. Wieder ein Punkt mehr, den Behinderte zu beachten haben.

 

Wann sollen sich die betroffenen Menschen denn auf ihre Genesung konzentrieren? Wann sollen sie sich Zeit nehmen, einfach nur zu leben?

 

Wenn die bewohnte Unterkunft, der einzige Schutzraum, mittlerweile – durch unzumutbare Zustände wie Schimmel oder beispielsweise Wohngifte verursacht – den gesundheitlichen Zustand der Betroffenen zum Alptraum werden lässt und auch hier keine entsprechende Hilfe vom Staat zu erwarten ist, sondern man stattdessen im Stich gelassen wird, ist das auf jeden Fall nicht gerecht. Wehren kann man sich nur, indem man sich öffnet und die Wahrheit ausspricht. Was anderes bleibt einem bei den wenigen Kraftreserven nicht mehr. Alles Diskutieren führt zu nichts. Man muss handeln und hoffen, dass man verstanden wird. Voraussetzen kann man es nicht, doch auch nicht ändern, wenn es niemals eintrifft. So geht die Reise ständig weiter, bis die ewige Ruhe unausweichlich ist.

Ich hoffe der kleine Exkurs in die Gedankenwelt chronisch kranker Menschen hat Dir gefallen ☺️ und vielleicht beginnst Du schon jetzt Deine ganz eigene Reise oder begleitest mich weiter ein Stück auf meinem Wege. In Cluesos Worten ausgedrückt: »Ich kann dich wenn du willst gern ein Stück mitnehm'. Und es geht los von jetzt auf gleich wenn Du Dich traust. Doch wir umfahrn den Rest und nehm' Wege, die wir noch nicht kenn', denn ich steh nicht gern im Stau.«

#schwerbehindert #chronischkrank #reisen #lebenstattleiden #autorenleben
©Photo&content : Marie Schwarz

 

 

Einen wundervollen Tag und nicht vergessen:

Ein bisschen Philosofie schadet nie! :)

 

 

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